Ein Mikrofon steht vor einem Pult mit der Beschriftung "Frauenforum"

Bild: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen auf flickr

Dieser Gastbeitrag erschien anlässlich des 100. Jahrestags der Einführung des Frauenwahlrechts am 12.11.1918 in der Novemberausgabe des ARTE-Magazins


Ob High Heels oder Fußballschuhe, Kanzlerin oder Tischlerin, Managerin und Mutter oder eben eins oder vieles davon – Frauen können heute alles sein. Aber nicht ohne Seitenhiebe und Hindernisse. Oft genug stoßen wir gegen Zäune oder gläserne Decken.

Auch im Deutschen Bundestag. Das vor 100 Jahren Frauen das Wahlrecht erkämpft hatten, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles noch lange nicht erreicht ist oder gar droht zurückgeschraubt zu werden: Lediglich in Ruanda, Kuba und Bolivien entspricht der Frauenanteil in den Parlamenten etwa ihrem Anteil in der Bevölkerung. Im deutschen Parlament dagegen ist dieser Anteil rückläufig. Von 709 Abgeordneten sind 219 weiblich. Weniger als ein Drittel und damit so wenig wie zuletzt vor 20 Jahren. Und es wären noch weniger, würde der Schnitt nicht durch uns Grüne und die Linken deutlich nach oben gezogen. Denn bei der FDP ist nur jede vierte, bei der Union sogar nur jede fünfte Abgeordnete eine Frau. Ganz zu schweigen von der AfD, die gerade einmal zehn Frauen bei 95 Mandaten ins Parlament schickt und zudem vor sexistischen Äußerungen nicht Halt macht.

Diese Zahlen unterstreichen, Frauenrechte fallen nicht vom Himmel. Allein durch den Fortgang der Geschichte nimmt weder die Unterrepräsentanz noch die Diskriminierung von Frauen ab. Frauenrechte müssen immer wieder neu erkämpft werden. Im 21. Jahrhundert geht es darum, Diskriminierungen zu beseitigen, die weniger sichtbar sind als das fehlende Recht zu wählen oder zu arbeiten. Es geht um Strukturen die dafür sorgen, dass die Unterrepräsentanz von Frauen sich eben nicht so einfach ändert.

So ist es zum Beispiel in den meisten Parlamenten gar nicht „eingeplant“, dass Abgeordnete Mütter werden. Gerade erst wurde in Thüringen eine Abgeordnete aus dem Plenarsaal gewiesen, weil sie ihren Säugling dabei hatte. Begründung – das sei schädlich für das Kind. Selbst im Parlament wird Frauen damit vermittelt, sie entsprächen nicht der „Norm“. Und mit diesem „Anderssein“ wird wiederum ihre fehlende Repräsentanz gerechtfertigt.

Vor einigen Jahren kursierte öffentlich eine Liste mit den Fehlzeiten der Bundestagabgeordneten. Weit oben die frühere Familienministerin Kristina Schröder. Jede, die eins und eins zusammen zählen konnte, wusste, dass sie nicht einfach so fehlte, sondern im gesetzlich vorgegebenen Mutterschutz gewesen war. Nur kam das nicht vor im Fehlzeiten-Ranking; das wurde ja vor Jahrzehnten von Männern geschrieben. Ich hatte damals selbst eine kleine Tochter, war noch recht neu im Parlament und spürte an allen Ecken und Enden: Es war gar nicht vorgesehen, dass Abgeordnete Mütter werden. Also taten wir jungen Mütter uns fraktionsübergreifend zusammen und sagten: Zeit das zu ändern. Und zwar nicht nur im Parlament.

Denn Millionen von Frauen haben nach wie vor die gleichen Probleme. Die strukturelle Diskriminierung sorgt weiterhin dafür, dass Frauen an gläserne Decken stoßen oder ökonomisch viel zu oft das Nachsehen haben, weil sie mit niedrigeren Löhnen und Renten leben müssen oder weil sie ihre Kinder allein erziehen.

Die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren war das Ergebnis eines langen, zähen Kampfes vieler berühmter und noch mehr nichtberühmter Frauen. Wenn wir uns weiter für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen einsetzen wollen, sollten wir uns die Worte von Marie Juchacz bei ihrer ersten Rede im Parlament zu Eigen machen:

„Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

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