Bild: Marlene Matzies bei Jugend und Parlament, eigenes Foto

 

Vom 13. – 16. Juni fand im Bundestag die jährliche Veranstaltung „Jugend und Parlament“ statt. 315 Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet, die von Mitgliedern des Bundestages nominiert wurden, stellen in einem Planspiel das parlamentarische Verfahren nach. Die Teilnehmer übernehmen für vier Tage die Rollen von Abgeordneten und simulieren vier Gesetzesinitiativen. Um den Jugendlichen das Hineinversetzen in ihre neuen Rollen zu erleichtern, erhalten sie Rollenprofile zugelost, die die zu spielenden Personen beschreiben und deren politische Prioritäten skizzieren.

Wie im vergangenem Jahr konnte ich eine Brandenburger Jugendliche einladen, an dieser Erfahrung teilzunehmen und delegierte die Falkenseer Abiturientin Marlene Matzies zu diesem spannendem und bereicherndem Ereignis. Sie war uns als engagierte und vielseitig interessierte Schülerin des Vicco – von – Bülow – Gymnasiums aufgefallen, die u.a. für die Schülerzeitung der Schule schreibt und an politischen Themen interessiert ist. Derzeit ist sie Teilnehmerin am Frauen-Mentoring-Programm von Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg.

Marlene schrieb ihre Erfahrungen aus diesen Tagen als Leserbrief auf:

Politik all inclusive

Einmal Abgeordnete(r) im Deutschen Bundestag sein- Diese Erfahrung machte ich zusammen mit mehr als 300 anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16-20 Jahren vom 13.-16. Juni.  Es war großartig, so viele interessierte und engagierte junge Leute um sich zu haben und mit ihnen gemeinsam viele Erfahrungen und Wissen zu sammeln. Wir alle waren von Abgeordneten zu dem jährlich stattfindenden Planspiel „Jugend und Parlament“  eingeladen worden. Mich hatte die grüne Brandenburger Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock delegiert.

Für vier Tage übernahmen wir die Rollen fiktiver Abgeordneter mit neuer politischer Gesinnung und neuer Biographie. Ich war nun nicht mehr 16, sondern 50 Jahre alt und hieß nicht mehr Marlene, sondern Emma Viola. Ich war verheiratet und nach über zehn Jahren als Facharbeiterin und kommunalpolitischem Engagement Mitglied des Deutschen Bundestages geworden.
Mit solchen Identitäten liefen wir nun staunend von einem Verhandlungsraum in den nächsten. Das Ziel bestand darin, vier Gesetzesentwürfe durch das Gesetzgebungsverfahren zu bringen.
Wir diskutierten über Themen wie EU-Beitrittsverhandlungen mit dem fiktiven Land Illyrien und Tierschutz in der Landwirtschaft. Wir diskutierten darüber, ob wir die Grenzen eines Staates, in dem es massiven Menschenhandel gibt, verstärkt kontrollieren sollten und ob das Kürzen von Schnabelspitzen verboten werden sollte. Wir merkten, wie umfangreich die Themen sind, mit denen sich Abgeordnete jeden Tag herumschlagen und wie viele Details zu beachten sind. Wir waren fiktiven Parteien zugeordnet, in denen wir unsere eigene Meinung manchmal in den Hintergrund stellen oder in denen wir ständig die Meinung der Koalition oder der Opposition berücksichtigen mussten. Wir erlebten, was es heißt, in Ausschüssen, Landes- und Arbeitsgruppen und Fraktionen zu sitzen. Wir erlebten, was es heißt, in einer Koalition oder als Opposition zu handeln. Wir erlebten, was es heißt, im Plenum zu sitzen, dort Reden zu halten oder nur lautstarke Kommentare zum Gesagten abzugeben. Ich bewundere die anspruchsvolle und extrem zeitintensive Arbeit der Politiker und sehe gleichzeitig einen unheimlich großen Reiz darin,z.B. was die Vielfalt der Themengebiete angeht.

„Politische Versprechen sind wie Regeln: Beide werden sie gemacht aber nicht eingehalten.“(Mattis Dettmann) Dieses Zitat hätte ich vermutlich vor dem Planspiel bejaht. Inzwischen würde ich es umformulieren: Politische Versprechen folgen der Regel: Sie werden gemacht, bekommen einen riesigen Schutzpanzer und man hofft, dass sie nicht von den zahlreichen anderen Versprechen erdrückt werden, die sich ihnen in den Weg stellen. Kompromisse sind in der Politik nicht wegzudenken. Doch Kompromisse bedeuten auch, dass niemand voll und ganz zufrieden ist. Falls ich wieder einmal einem nicht gehaltenen Versprechen hinterher schaue, werde ich daran denken, dass die Politiker vermutlich auch nicht viel zufriedener mit dem Ergebnis sind als ich. Dann werde ich daran denken, dass es eben auch nur ein Kompromiss ist und dass wahrscheinlich alles daran gesetzt wurde, diesen möglichst im Interesse der Partei zu gestalten.


Bild: Marlene Matzies

 

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