Am 24. April veranstaltete die Grüne Bundestagsfraktion ein öffentliches Fachgespräch zur Thematik der „Carbon Bubble“. Der Begriff Carbon Bubble beschreibt die Überbewertung von Unternehmen im fossilen Sektor (Öl, Kohle und Gas) auf dem Finanzmarkt. Grund der Überbewertung ist die Tatsache, dass diese Unternehmen einen Großteil ihrer erschlossenen fossilen Reserven nicht mehr nutzen können ohne dabei das 2 Grad Limit für die globale Erwärmung zu überschreiten.

Die drei gastgebenden Abgeordneten Bärbel Höhn (Vorsitzende des Umweltausschusses), Annalena Baerbock (klimapolitische Sprecherin) und Dr. Gerhard Schick (finanzpolitischer Sprecher) hatten dazu eine Reihe von ExpertInnen eingeladen. Bereit in ihrer Begrüßung verknüpfte Bärbel Höhn das Thema mit der aktuellen Kohle-Debatte in Deutschland. Denn der Kohle-Multi RWE hat schon vor Jahren die falschen Entscheidungen getroffen und dadurch sich und die Finanzen vieler NRW-Kommunen geschädigt, die finanziell am Unternehmen beteiligt sind. Diese Investitionen jetzt umzusteuern – das Stichwort heißt Divestment – wäre ein aktiver Kohleausstieg.

Matthias Kopp (hier finden Sie seine Präsentation) von WWF Deutschland erläuterte die finanzmarktpolitischen Zusammenhänge aus Sicht eines Umweltverbandes. Susan Dreyer (hier finden Sie ihre Präsentation), ehemalige Fondsmanagerin und jetzt beim Carbon Disclosure Project Deutschland (CDP) berichtete von der konkreten Arbeit mit Unternehmen und den Herausforderungen bei der konkreten Umsetzung von Transparenz des CO2-Fußabdruckes. Mit dem Europaabgeordneten Reinhard Bütikofer und dem Münsteraner Stadtrat Otto Reiners (hier finden Sie seine Präsentation) waren zudem zwei weitere grüne Fachleute zum Thema Divestment eingeladen, die auch bereits praktische Erfahrungen einbringen konnten. So hat etwa Münster bereits ein schrittweises Divestment der Kommunalfinanzen auf grüne Initiative hin beschlossen.

Unter den Fachleuten bestand Einigkeit darüber, dass eine Veränderung der Realwirtschaft über die Finanzmärkte – beruhend auf dem Konzept einer Carbon Bubble – drei grundlegende Elemente haben muss:

  1. Elementar ist die Ausweitung von Transparenz und Zugänglichkeit von Daten. Viele Unternehmen lassen bereits ihren CO2-Fußabdruck berechnen. Doch diese Informationen müssen auch für Investoren offen einsehbar sein. Hier muss der Gesetzgeber regulatorisch nachsteuern.
  2. Eine völkerrechtliche Anerkennung des 2-Grad-Limits, aus der sich dann das tatsächlich noch verbleibende Kohlenstoffbudget verbindlich ableiten lässt und das dann bis auf einzelne Sektoren und Unternehmen herunter gebrochen werden kann.
  3. Eine effektive Bepreisung von CO2 ist weiterhin wichtig, um die wirtschaftlichen Anreize für Divestment und grünes Re-Investment zu setzen.

Welche Divestment-Kampagne ist zielführend?

Susan Dreyer und Matthias Kopp betonten beide in ihren Statements die enorme Bedeutung der Divestment-Bewegung. Aus Imagegründen befassen sich bereits immer mehr Unternehmen mit diesem Thema. Wer nicht mitmacht, gerät unter Druck. Deshalb ist öffentliche Aufmerksamkeit besonders wichtig für die Umsetzung. Notwendig sei darauf zu achten, nicht blind alle Unternehmen mit fossilen Anlagen zu verdammen. Es gehe darum, mit diesen zusammen, Transformationspläne zu erarbeiten. Kopp verfolgte einen auf die Unternehmensstruktur in Deutschland angepassten Ansatz, der sich statt auf fossile Reserven eher auf einzeln heruntergebrochene Budgets für Branchen und Unternehmen stützt.

v.l.n.r.: Reinhard Bütikofer MdEP, Gerhard Schick MdB und Bärbel höhn MdB beim Fachgespräch Carbon Bubble

v.l.n.r.: Reinhard Bütikofer MdEP, Gerhard Schick MdB und Bärbel höhn MdB beim Fachgespräch Carbon Bubble

Reinhard Bütikofer entgegnete dem vehement und forderte, den Aufbau einer breiten globalen Bewegung zu Divestment. Daher solle die deutsche Divestment-Kampagne keinen Sonderweg gehen, sondern ebenfalls die Unternehmen aus dem Kohle-, Öl- und Gasgeschäft ins Visier nehmen.

Nicht alle Anwesenden stimmten der Analyse zu, dass die Carbon Bubble ein systemisches Risiko darstelle. Dennoch wurde deutlich darauf verwiesen, dass einzelne Akteure, zum Beispiel Banken, ein signifikantes Risiko eingingen, wenn sie ihr Geld nicht rechtzeitig aus fossilen Anlagen abzögen. Einer Studie der grünen Europafraktion zufolge ließe sich dieses Risiko für die europäische Wirtschaft (Versicherungen, Banken und Pensionsfonds) vor allem dadurch minimieren, dass Divestment zeitnah begonnen würde.

Deutschland ist hier kein Vorreiter

In Fachgespräch wurde auch klar: Andere Länder wie die USA oder Großbritannien sind in der Frage schon viel weiter. In Deutschland gibt es noch wenig Informationen, welchen CO2-Fußabdruck ein einzelnes Unternehmen hat und Mittler zwischen Investoren und Unternehmen (vom Bankberater bis zur Fondsmanagerin) haben nicht ausreichend Verpflichtungen, auf klimarelevante Aspekte hinzuweisen. Es gibt aber auch nicht den politischen Willen dazu. Gerade die Bundesregierung hat die Offenlegungsrichtlinie der EU verwässert und bisher noch nicht umgesetzt. Sowohl in Richtung Bundesbank als auch beim Bilanzierungsrecht sollte geprüft werden, wie Divestment – auch in Kombination mit anderen Anliegen wie Menschenrechten – vorangebracht werden kann. Neben den Herausforderungen einer effektiveren Finanzmarktregulierung, so Annalena Baerbock in ihrem Schlusswort, bräuchte es aber weiterhin auch das Engagement auf der lokalen und individuellen Ebene. Otto Reiners formulierte das angesichts der hohen Intransparenz und Verstrickung deutscher Pensionsfonds und Banken so: Auch Du hast Atom-Aktien!

Das Fachgespräch hat deutlich gezeigt, es gibt Handlungsbedarf. Die grüne Bundestagsfraktion wird die Problematik von kritischen fossilen Investitionen weiter intensiv verfolgen und vor allem den notwendigen Divestment-Prozess aktiv unterstützen.


 

Alle Bilder  © Team Baerbock

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