Stethoskop und mehrere Organspendeausweise

flickr - Tim Reckmann

Viele Familien, auch meine, haben sich bereits mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt. Sei es, weil beim Weihnachtsessen auf einmal ein entfernter Verwandter Thema ist, der nach einem Nierenversagen auf eine neue Niere hofft. Oder ein Freund, der ein neues Herz bekommen hat. Jedes Mal, wenn ich daran denke, wird mir bewusst: Organspenden retten Leben. In Deutschland warten aktuell mehr als 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Dem standen 2017 jedoch lediglich 797 Organspenden gegenüber. Vielen weiteren könnte geholfen werden, wenn es gelänge, die Zahl der Spenden zu erhöhen.
Dabei ist die Bereitschaft und Solidarität in der Bevölkerung groß. 84 Prozent sind generell bereit, Organe zu spenden, doch nur 39 Prozent haben ihre Entscheidung auf einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung dokumentiert, die auch nicht immer sofort auffindbar sind. Gleichzeitig geht die Zahl der Organspenderinnen und Organspender seit 2012 zurück. Es ist daher an der Zeit, die Diskrepanz zwischen der Bereitschaft zur Organspende und den wenigen Spenden zu verringern.
Deshalb hat die Bundesregierung Ende Oktober den Entwurf für ein „Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“ vorgelegt. Er enthält viele begrüßenswerte Änderungen. Dazu gehören die Stärkung der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und eine höhere Pauschale für die Kosten, die in den Entnahmekliniken durch Organspenden anfallen. Der Gesetzentwurf setzt damit an den entscheidenden Punkten an.
Neben diesen Vorschlägen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch einen eigenen Vorschlag in die Debatte zur Organspende eingebracht. Er spricht sich für eine Widerspruchsregelung aus. Danach soll jeder und jede automatisch für eine Spende infrage kommen, solange er oder sie selbst oder die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen.
Auf den ersten Blick klingt dies plausibel. Doch habe ich in den letzten Wochen intensiv darüber nachgedacht und mit vielen Menschen gesprochen. Mit Älteren und Jüngeren, mit Menschen, die Organspender sind, und solchen, die sich nicht vorstellen können, was die Entnahme eines Organs bedeutet. All das hat mir verdeutlicht: Bei solch einer persönlichen Entscheidung sollte die Politik nicht anmaßend sein. Denn diese Entscheidung berührt die grundlegende Frage, wie wir uns unseren eigenen Tod vorstellen und in welche Beziehung wir uns dabei zu anderen Menschen setzen wollen. Die Widerspruchsregelung wäre eben auch ein starker Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen. Denn der Gesetzgeber würde damit diese sehr persönliche Entscheidung vorwegnehmen, die dann nur mit aktivem Widerspruch aufgehoben werden könnte. Hinzu kommt: Die eigene Meinung kann sich im Laufe des Lebens ändern. Mit 18 sieht man das Ganze vielleicht anders als mit 35 und zwei Kindern.
Mir ist dabei klar geworden, dass es einen Vorschlag braucht, der dem Anspruch auf Selbstbestimmung Rechnung trägt und dennoch eine Erhöhung der Organspenden ermöglicht und so mehr schwerkranken Menschen hilft. Erfahrungen aus Spanien und Dänemark zeigen, dass eine Entweder-Oder-Entscheidung nicht nötig ist. Vielmehr müssen Menschen eine niedrigschwellige Möglichkeit haben, aktiv ja zu sagen. Ich schlage deshalb mit anderen vor, das wiederkehrende Beantragen eines Ausweises für die Befragung zur Organspende zu nutzen.
Jeder Erwachsene muss spätestens alle zehn Jahre seinen Personalausweis oder Reisepass erneuern. Zu diesem Zeitpunkt könnte jede Frau und jeder Mann gefragt werden, ob er oder sie bereit ist, Organe zu spenden. Beantragt man einen Ausweis, erhielte man ausführliche und unabhängige Informationen zur Organspende, die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs oder einer Telefonberatung für weitere Fragen. Holt die Person den Ausweis ab, müsste sie sich dann entscheiden: Möchte sie alle oder einzelne Organe spenden, möchte sie dies explizit nicht oder aktuell darüber noch nicht entscheiden – oder wer soll im Unglücksfall darüber entscheiden? Diese Angaben werden in einem verbindlich einzurichtenden Organspendenregister zentral vermerkt. Dafür müsste das Meldegesetz geändert werden. Darüber ließe sich Rechtssicherheit herstellen.
Verunglückt jemand, ließe sich rechtssicher und schnell von einem durch das Krankenhaus benannten Arzt im zentralen Organspendenregister erfragen, ob eine Organentnahme vom Verunglückten bewilligt ist oder ob die verunglückte Person einer Entnahme vorab widersprochen hat. Der Vorschlag würde so einen Weg eröffnen, mit dem mehr Menschenleben gerettet werden können und gleichzeitig jeder und jede Einzelne bewusst über den eigenen Körper entscheiden kann. Das Selbstbestimmungsrecht und die Menschenwürde blieben gewahrt. Ich glaube, das wäre eine gute Lösung.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) am 25.11.2018

Meine Rede im Deutschen Bundestag zu diesem Thema am 28.11.2018 finden Sie hier.

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