Nord Stream 2 spaltet Europa. Die Pipeline untergräbt unsere strategische außenpolitische Souveränität und konterkariert unsere EU Energie- und Klimaziele. Gerade wegen der deutschen EU Ratspräsidentschaft ist auch viel von europäischer Solidarität die Rede – auch in Hinblick auf die verheerenden Zustände auf Lesbos. Aber Solidarität kann es nicht geben, wenn das größte Land bei einem der zentralen europäischen Infrastrukturprojekte selbst nicht europäisch denkt und handelt. Die Bundesregierung muss dem Projekt umgehend die politische Unterstützung entziehen.

Meine gesamte Rede in der Bundestagsdebatte am 18.09.2020 finden Sie wie gewohnt hier im Video und Volltext:

 

Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Sehr verehrte Damen und Herren! Wir haben heute den ganzen Tag über europäische Souveränität und europäische Solidarität gesprochen. Aber diese europäische Souveränität und europäische Solidarität kann es schwer geben, wenn das größte Land, das auch gerade noch die Ratspräsidentschaft innehat, bei einem zentralen europäischen Infrastrukturprojekt, Nord Stream 2, selbst nicht europäisch denkt und handelt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Diese Gaspipeline Nord Stream 2 spaltet Europa. Die Pipeline untergräbt die strategische außenpolitische Souveränität, und sie konterkariert die europäischen Klima- und Energieziele.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Was für ein Blödsinn! – Alexander Ulrich (DIE LINKE): Wollt ihr mehr Fracking-Gas?)

Und dass Sie ohne Not diese Pipeline fünf Jahre lang durchpreschen – die SPD fühlt sich ja gleich angesprochen -,

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Wollt ihr Fracking-Gas, oder was?)

gegen den Willen unserer osteuropäischen Nachbarländer, das ist wirklich fatal.

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Aha! – Weitere Zurufe von der SPD und der LINKEN)

Sie bedauern hier ständig, gerade in den letzten Tagen, die dramatischen Entwicklungen in Belarus – es scheint Sie ja wirklich stark zu belasten, dass Sie solche Entscheidungen getroffen haben -, den Krieg in der Ukraine, die Bombardierung in Syrien von Krankenhäusern und von Schulen, Giftanschläge auf russische Oppositionelle. Aber zeitgleich konterkarieren Sie mit Ihrer politischen Unterstützung dieser Pipeline jegliche Sanktionen gegen Russland und unterstützen über den Gaskonzern Gazprom auch noch den Kreml mit Milliardeneinnahmen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen von der Union und von der SPD, die sich hier offensichtlich besonders angesprochen fühlt, entziehen Sie dieser Pipeline endlich

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Nein! Apokalypse now!)

Ihre politische Unterstützung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Jetzt ist der Moment gekommen, Farbe zu bekennen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Denn Sie haben noch ein paar Tage Zeit.

(Zurufe von der SPD)

Anders als Sie es hier letzte Woche dargestellt haben, ist diese Gaspipeline nicht durchgenehmigt. Es steht immer noch die Prüfung der Entflechtungsvorgabe der europäischen Gasrichtlinie aus. Das ist europäisches Recht; das müssen auch Sie als SPD anerkennen.

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Harakiri ist das, was ihr vorschlagt! Sie konterkarieren die deutschen Interessen und die europäischen!)

Denn  die Bundesnetzagentur als zuständige Regulierungsbehörde muss nach wie vor die Zuverlässigkeit dieser Pipeline bestätigen. Das steht nach wie vor aus.

(Zuruf von der LINKEN: Reden Sie nicht so laut!)

– Ich müsste weniger laut sprechen, wenn Sie an dieser Stelle vielleicht einmal zuhören würden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Man fragt sich angesichts eines Mordanschlages auf einen russischen Staatsbürger und des russischen Agierens in Bezug auf Belarus derzeit wirklich, ob Sie diesem russischen Staatskonzern wirklich Ihr Vertrauen aussprechen sollten.

Dass es nicht im Sinne der Nord Stream AG ist, sich an europäische Regeln zu halten, wird ja dadurch deutlich, dass man das Unternehmen nicht in der EU registriert hat, sondern im Steuerparadies Zug in der Schweiz.

Wenn Sie jetzt wieder damit kommen, das sei ja alles eine europäische Angelegenheit ist, bei der wir rein national nichts machen könnten, möchte ich Ihnen noch mal verdeutlichen: Sie haben die Verantwortung dafür, dass Nord Stream 2 zu einer rein deutschen Entscheidung gegen die Interessen der europäischen Mitgliedstaaten geworden ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Timon Gremmels (SPD): 27 von 28 Mitgliedstaaten haben zugestimmt!)

– 26 von 27 Mitgliedstaaten wollten diese Gaspipeline nicht. Die Kanzlerin höchstpersönlich musste auf Herrn Macron zugehen,

(Zuruf von der SPD: Meine Güte!)

damit im Winter 2019 keine Entscheidung auf europäischer Ebene getroffen wurde, sondern eine Sonderentscheidung,

(Timon Gremmels (SPD): Geschichtsklitterung!)

dass Nord Stream 2 rein national reguliert wird.

Deswegen sind Sie dafür verantwortlich, jetzt zu entscheiden: Diese Pipeline darf es nicht geben. –

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Diese Pipeline ist nicht nur eine Wette gegen die europäischen Klimaziele, weil Sie diesbezüglich von einem höheren Gasbedarf ausgehen; sie destabilisiert auch die Ukraine.

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Jetzt bin ich sehr gespannt!)

Wenn Sie nämlich nicht zusätzliches Gas abnehmen wollen, dann wird die Ukraine-Leitung abgeschaltet.

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Was für ein Blödsinn!)

Die entsprechende Verpflichtung besteht nur noch bis 2024.

(Zurufe von der SPD)

Und jetzt kommen Sie hier die ganze Zeit mit Klimaschutz. Ich konnte meinen eigenen Augen nicht trauen, als ich in der Zeitung las, dass der Bundesfinanzminister der SPD

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Das ist ein sehr guter Mann!)

jetzt gesagt hat: Wir bieten Herrn Trump 1 Milliarde Euro dafür, dass in Zukunft nicht nur russisches Gas kommen kann, sondern auch noch Fracking-Gas aus den USA. –

(Alexander Ulrich (DIE LINKE): Ja, Sie reden doch Fracking-Gas das Wort!)

Das konterkariert nicht nur die EU-Klimaziele, das konterkariert eine souveräne Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union.

(Carsten Schneider (Erfurt) (SPD): Wofür seid ihr denn eigentlich?)

Vizepräsidentin Petra Pau:

Kollegin Baerbock, kommen Sie bitte zum Schluss.

Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich komme zum Schluss.

Wenn Sie Europa nicht schweren geostrategischen Schaden zufügen wollen, dann stimmen Sie heute für unseren Antrag, und seien Sie nicht so feige, ihn zu überweisen.

(Timon Gremmels (SPD): Oh, mein Gott!)

Nächste Woche entscheidet der Rat über diese Pipeline, und der Bundestag sollte dazu Position beziehen.

Herzlichen Dank.

 

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.